Grundeinkommen oder Grundgüter: Keine Frage des „ob“, sondern des „wann“

Die gegenwärtigen Gesellschaften sind umzingelt von Umbrüchen. Ein Umbruch betrifft unsere natürliche Umwelt: Bereits heute verursacht die fortschreitende Klimaerwärmung Wasser- und Nahrungsknappheit. Zahlreiche Gebiete, in denen Menschen siedeln, werden unbewohnbar. Ein anderer Umbruch betrifft unseren kulturellen Kontext: Die jährlich zunehmende Ausdehnung von Automatisierung und Digitalisierung, von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen wird weitreichende Neuorganisationen lokaler wie globaler Arbeitsmärkte befördern.

Ob in Industrie- Dienstleistungs- oder Entwicklungsländern: Für große Teile der Bevölkerung werden sich Einkommensquellen verschieben und verändern. Wie können die existenziellen Vorteile von sicheren und gut bezahlten Jobs in die Zeit nach dieser technologischen Wende „übersetzt“ werden? Wie kann verhindert werden, dass prekäre Beschäftigungsverhältnisse breite Mehrheiten erfassen, und so die wirtschaftlichen sozialen Ungleichheiten weiter vergrößern?

Grundversorgung wird kommen

Grundversorgung mit Grundgüter
Photo by Jimmy Dean on Unsplash 

Beim Nachdenken über mögliche Rahmenbedingungen zukunftsfähiger Gesellschaften wird – in der Pandemie wieder vermehrt – die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens ins Spiel gebracht. Darunter ist ein festgelegter finanzieller Betrag zu verstehen, auf den jedes Mitglied einer Gesellschaft Anspruch hat, ohne direkte Gegenleistung. So sollen die Menschen „immunisiert“ werden gegen die folgenreichen Umwälzungen unserer Arbeitswelt.

Essen, Miete, soziale Teilhabe wären garantiert. Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld, Rente oder Kindergeld wären dann hinfällig, oder würden radikal vereinfacht und neu aufgestellt werden. Auch müssten nicht länger aus Not ethisch fragwürdige, umweltschädliche oder ausbeuterische Tätigkeiten ausgeübt werden. Anbieter schlecht bezahlter Jobs wären beispielsweise zu wirklichen Verbesserungen und höheren Vergütungen gezwungen. Ein höherer Mindestlohn reicht dafür nicht aus. Da er gerade nicht vom Arbeitszwang entlastet, bleibt er vergleichsweise „zahnlos“.

Für viele ist es keine Frage mehr, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt wird, sondern wann. Bei einer Umfrage aus dem Jahr 2017 gab die Hälfte der 75 befragten deutschen Führungskräfte an, dass es in den nächsten 25 Jahren passieren wird. Jeder zehnte glaubte sogar, dass es nur noch zehn Jahre dauern wird. Auch die allgemeine Akzeptanz scheint verblüffend hoch: Ebenfalls 2017 befürworteten unter 1000 Bundesbürgern 75 Prozent ein solches Konzept. Hierbei handelt es sich zwar nur um Stichproben, die keinen Anspruch darauf erheben können, repräsentativ zu sein. Dennoch beachtlich für eine Idee, die vor 20 Jahren kaum jemand auf dem Schirm hatte, oder die als illusionäre Spinnerei abgetan wurde.

Neue Studie zum Grundeinkommen in Deutschland

Grundeinkommen
Photo by Uwe Conrad on Unsplash 

Im Frühjahr 2021 läuft in Deutschland eine von 140.000 Spendern privat finanzierte Langzeitstudie mit 1500 Probanden an. 120 von ihnen werden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und erhalten drei Jahre monatlich 1200 Euro. Die restlichen 1380 Teilnehmer dienen als Kontrollgruppe, um unter Umständen beobachtbare Veränderungen so sicher wie möglich auf das Grundeinkommen zurückführen zu können. Michael Bohmeyer, Initiator des Vereins Mein Grundeinkommen, über das Ziel der Studie: „Wir wollen wissen, was es mit Verhalten und Einstellungen macht und ob das Grundeinkommen helfen kann, mit den gegenwärtigen Herausforderungen unserer Gesellschaft umzugehen.“

Um die Aussagekraft der Studie zu maximieren, werden zahlreiche Kompetenzen gebündelt: Da menschliche Entscheidungsprozesse hochkomplex sind, und der Fokus auch auf Verschiebungen in  Entscheidungsmustern und -prozessen sowie kognitiven Fähigkeiten der Teilnehmer liegt, wird sie vom Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern ebenso wie von der Universität zu Köln durch psychologische und verhaltensökonomische Forschung unterstützt.

Grundgüter als Alternative

Darüber hinaus findet sich im englischsprachigen Raum in letzter Zeit immer öfter eine Alternative zu einem bedingungslosen Grundeinkommen in den Diskussionen über notwendige gesellschaftliche Transformationen: das Konzept der bedingungslosen Grundgüter (Universal Basic Assets, UBA). Solche Güter umfassen eine Grundausstattung mit Ressourcen, die jedem Menschen qua Mensch-Sein zustehen – von Wohnraum und Ernährung, über Gesundheitsvorsorge und Mobilität, bis hin zu Bildung. Geld ist dabei ein Faktor, aber beansprucht keine Priorität. In Zentrum stehen die Güter, die jede/r braucht, um ein menschliches Leben würdevoll und gelungen zu gestalten. Diese gilt es nachhaltiger zu gewinnen, und sie gerechter zu verteilen, und allen einen garantierten Zugang zu ihnen zu verschaffen. 

In einem System bedingungsloser Grundgüter bedarf es vor allem eines: einer belastbaren Konzeption dessen, was wir als unveräußerliche Grundgüter veranschlagen wollen. Zur Disposition stehen dabei materieller Güter wie Land, Wohnraum, Nahrung und Rohstoffe, aber auch die wachsende Zahl nicht-materieller Güter wie Dienstleistungen, Kompetenzen, oder virtueller Währungen. Ebenfalls ihren Platz benötigen die Güter, die für den Zusammenhalt (Pflege jeder Art, ehrenamtliches Engagement) und die Innovationskraft (kreative Leistungen, Wissenserzeugung) einer Gesellschaft aufkommen.

Wie Grundgüter konzeptualisieren?

Marina Gorbis, Direktorin des Institute for Future (IFTF), empfiehlt die Grundgüter dreifach zu unterscheiden: in private, öffentliche und freie Güter. Privat sind alle Güter, die Individuen gehören (Eigentum, Grundbesitz, Daten); öffentlich sind alle Güter, die ein Kollektiv besitzt, und die in der Regel stellvertretend durch eine Regierung verwaltet werden (Boden- und Kulturschätze, Nationalparks, Infrastruktur); frei sind alle Güter, die durch eine bestimmte Gruppe ins Leben gerufen und strukturiert werden (Gründungen, wissenschaftliche, künstlerische oder sportliche Institutionen, Genossenschaften). 

Wir bei MorgenFokus sind der Überzeugung, dass es lohnt, in diese Richtung vorzudenken. Unsere Gesellschaften müssen grundstrukturell, nicht lediglich symptomatisch umgebaut werden. Was uns im 20. Jahrhundert zu einer historisch beispiellosen Kombination aus Wohlstand und Menschen- wie Naturvernutzung geführt hat, taugt als tragfähiges Modell für das 21. Jahrhundert nicht. Greift es dabei zu kurz, den bedingungslosen Zugang zu den Ressourcen menschenwürdigen Lebens lediglich finanziell zu konzipieren? Für jeden innovativen, auch gewagten Vorschlag bezüglich der Idee bedingungsloser Grundgüter sind wir offen. Wir freuen uns über jeden Beitrag in unserem MorgenClub, der zu einer sachdienlichen Diskussion führt, oder Hinweise zu neuester wissenschaftlicher Forschung in diese Richtung liefert. Alleine schaffen wir es vielleicht. Mit Ihnen sicher. 

Photo by lucas Favre on Unsplash 


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