Zwei im Gespräch für Morgen

FE: Liebe Angela, wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich mit produktbezogener Nachhaltigkeit zu beschäftigen?

AE: Bereits während meines Bachelorstudiums im Bereich Produktdesign habe ich mich intensiv mit verschiedenen Materialien und Werkstoffen auseinandergesetzt, und wurde somit zwangsläufig mit dem Thema Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz konfrontiert. Während meines Masterstudiums durfte ich für das MorgenWerk bereits einige Projekte bezüglich ihrer optischen Gestaltung mitbegleiten.

Da zu diesem Zeitpunkt eine zukünftige Ausrichtung der Produktentwicklung auf nachhaltige Aspekte geplant und ich auf der Suche nach einem geeigneten Thema für meine Masterarbeit war, entstand die Idee eine Auswertungsmethode zu entwickeln. Ziel war es, die Nachhaltigkeit von Produkten während ihrer Entwicklungsprozesse zu beurteilen – parallel zur ökonomischen Kalkulation. So soll es möglich sein, sowohl die wirtschaftliche, als auch die umweltrelevante Perspektive eines Produktes stets im Blick zu haben.

Dimensionen des Nachhaltigkeitsdreiecks

FE: Wenn man an „Nachhaltigkeit“ denkt, denkt man in der Regel zuerst an die Natur, an Ökologie. Du überschreitest diesen Kontext Richtung Ökonomie, und bringst Nachhaltigkeit in Verbindung mit der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit und dem dauerhaften Erfolg von Unternehmen. Würdest Du sagen, wir müssen hier zwei Begriffe von Nachhaltigkeit unterscheiden, einen ökologischen und einen ökonomischen?

AE: Generell existiert keine allgemeingültige oder wissenschaftlich festgelegte Definition des Begriffes Nachhaltigkeit. Bekannt geworden ist das sogenannte Nachhaltigkeitsdreieck, dass eine ökologische, ökonomische und soziale Dimension der Nachhaltigkeit veranschlagt. Produzierende Gewerbe sind mit allen drei Dimensionen des Nachhaltigkeitsdreiecks konfrontiert.

Langfristig ausgelegtes wirtschaftliches Handeln ist grundlegend auf ein stabiles, intaktes Ökosystem angewiesen. Die Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts dient uns und allen zukünftigen Generationen als Lebens- und Arbeitsgrundlage und kann dadurch auch als limitierender Faktor aller zukünftiger gesellschaftlichen Entwicklungen gesehen werden. Es besteht also eine direkte Wechselwirkung und Abhängigkeit zwischen den verschiedenen Dimensionen. Um über nachhaltige Entwicklung sprechen zu können, müssen diese drei Dimensionen gemeinsam betrachtet werden. In den letzten Jahren hat der Diskurs über Nachhaltigkeit zunehmend die Politik erreicht. Besonders Unternehmen tragen eine hohe Verantwortung, da sie sowohl festlegen welche Produkte auf den Markt kommen, als auch über die Art der Fertigungsprozesse und den Einsatz der Materialien und Werkstoffe entscheiden.

Viele Produkte wirken sich, neben ihrer Herstellung und Entsorgung, zusätzlich auch während ihrer Nutzung, negativ auf Mensch und Umwelt aus. Gleichzeitig werden Verbraucher:innen immer aufmerksamer. Es findet eine zunehmende Sensibilisierung und entsprechende Nachfrage bezüglich umweltfreundlicher Produkte statt.

Komplexe Obsoleszenz(en)

FE: Eröffnet dies nicht eine Perspektive, die das genaue Gegenteil des Gedankens der Obsoleszenz ist? Hier orientiert sich der Produktentwicklungsprozess ja gerade an der eingeschränkten Haltbarkeit eines Produkts.

AE: Du sprichst hier speziell die geplante und nicht die natürliche Obsoleszenz an, bei welcher seitens der Unternehmen konkret Einfluss auf die Lebens- bzw. Nutzungsdauer eines Produktes genommen wird. Wir sollten dabei die verschiedenen Arten- die technische, werkstoffliche, psychologische und ökonomische Obsoleszenz auseinanderhalten. Psychologische Obsoleszenz bedeutet zum Beispiel, dass Dir der Markt künstlich suggeriert, ein noch voll funktionsfähiges Produkt aufgrund eines optischen Trends oder technischen Zusatznutzens durch ein neues Modell auszutauschen– dies ist beispielsweise oft bei Smartphones der Fall.

Bei einer werkstofflichen Obsoleszenz sind bestimmte Komponenten, die maßgeblich für die Funktionsfähigkeit des Produktes verantwortlich sind, auf einen zügigen Verschleiß ausgelegt. Sie gehen nach einem bestimmten Zeitraum kaputt, weil dies von den Unternehmen schlicht so vorgesehen ist. Die technische Obsoleszenz ist häufig dem schnellen technologischen Fortschritt geschuldet und betrifft insbesondere softwarebedingte Schnittstellen, indem z.B. die Kompatibilität von bestehender Hardware mit neuen Software-Anforderungen nicht mehr gegeben ist.

Besonders verwerflich gestaltet sich in meinen Augen jedoch die ökonomische Obsoleszenz: Hier übersteigen die Reparaturkosten den Preis der Neuware. Eine Instandhaltung ist zwar möglich, jedoch wirtschaftlich oft nicht sinnvoll. Frankreich geht bei diesem Thema als gutes Beispiel geht voran. Nachweislich geplante Obsoleszenz ist dort strafbar und wird mit einer hohen Geld- oder auch Haftstrafe geahndet. Die Verfolgung und notwendige Beweisführung gestaltet sich zwar tendenziell sehr schwierig, es ist jedoch ein wichtiger Schritt in die Richtung einer zukünftig nachhaltigeren Produkt- und Konsumentwicklung.

FE: Ich muss nun an zwei Aspekte denken. Auf der einen Seite steht die Reparaturfähigkeit eines Produkts, auf der anderen die Ambition, die Ressourcenschonung zum festen Bestandteil der Produktentwicklung zu machen. Treffen sich diese zwei Aspekte irgendwo im Produkt im Namen der Nachhaltigkeit wieder, oder sind das unterschiedliche Faktoren der Nachhaltigkeit?

AE: Prinzipiell würde ich die Punkte einzeln, jedoch nie getrennt voneinander betrachten, da sie beide signifikant zur Nachhaltigkeit eines Produktes beitragen und sich gegenseitig begünstigen. Eine kombinierte Umsetzung beider Faktoren ist in jedem Falle erstrebenswert und innerhalb eines intelligenten Entwicklungs- und Fertigungsprozesses durchaus umsetzbar. Sie erfordern jedoch häufig starke personelle, als auch zeitliche und finanzielle Ressourcen. Gerade beim Thema Ressourcenschonung müssen oft intern komplette Strukturen und Abläufe neu durchdacht und in anderer Form wieder etabliert und aufgebaut werden.

Die Reparaturfähigkeit eines Produktes schont natürlich grundlegend Ressourcen, das Thema Ressourcenschonung muss jedoch in verschiedenen Kontexten betrachtet werden. Neben einer intelligenten Wahl der Werkstoffe und ihrer technologisch- und stoffbedingten Recyclingfähigkeit muss vor allem die Effizienz und Wertschöpfung der Ressourcen gesteigert werden.

Ein besonders wichtiger Bereich von Nachhaltigkeit ist daher der Stoffkreislauf. Besonders nachhaltig sind also jene Produkte, die ohne Veränderung, im ursprünglichen Stoff- bzw. Produktkreislauf wiederverwendet werden können. Zum Beispiel Schrauben, die einem Produkt entnommen werden, und in einer Neuauflage dieses Produkts wieder zum Einsatz kommen, also in ihrem ursprünglichen Kreislauf verbleiben.

Intelligente Entwicklungs- und Fertigungsprozesse

FE: Weil keine energetischen Zusatzkosten anfallen?

AE: Ja, unter anderem, jedoch geht es hier neben den Kosten, vor allem um die Ressourcen, die geschont werden: Es findet beispielsweise weder eine ressourcenintensive Umarbeitung der Produktgestalt, noch ein emissionsreicher Transport der Produkte und Waren statt. Sobald eine Veränderung der Produktgestalt vorliegt, d.h. ein zusätzlicher Einsatz von Ressourcen wie Energie, Wasser oder weiteren Roh- oder Hilfsstoffen benötigt wird, verschenken wir ein großes Nachhaltigkeitspotenzial.

FE: In Deiner Masterarbeit konzipierst Du eine Methode zur Evaluation produktbezogener Nachhaltigkeit. Die zwei Normen ISO 14040 und 14044 verwendest Du dabei als Rahmen für Deine Methode. Worum geht es bei diesen Normen?

AE: Generell habe ich mein Bewertungskonzept auf die Methode der produktbezogenen Ökobilanz ausgerichtet, welche durch die beiden genannten Normen weitestgehend standardisiert ist. Dadurch ist die Berücksichtigung der wenigen international anerkannten und wissenschaftlich erprobten Standards gewährleistet. Die Ökobilanz stellt hierbei ein zentrales Instrument zur ganzheitlichen und systematischen Beurteilung und Bewertung von potentiellen Umweltauswirkungen während des gesamten „Lebensweges“ dar. Die Normen dienten mir als Referenzrahmen und Leitfaden. Dadurch wurde es möglich, die Auswertungsmethode normenkonform auf die Bedürfnisse und Ziele des MorgenWerks anzupassen.

FE: Und damit verfügen wir dann über belastbare Informationen bezüglich der ökologischen Nachhaltigkeit und den potentiellen Umweltauswirkungen des untersuchten Produkts?

AE: Genau. Ohne Fachexpertise gestaltet sich das Verständnis der Ergebnisse aber schwierig. Wer kennt sich als Nicht-Experte schon genau mit Eutrophierung oder dem Stratosphärischen Ozonabbau aus? Das Thema Nachhaltigkeit ist wirklich komplex und weitläufig. Unternehmen ist es bisher weitestgehend freigestellt, inwiefern sie sich damit befassen. Es gibt zwar immer mehr Regulierungen, doch diese sind, wenn man die Dringlichkeit des Themas und die Vielschichtigkeit des Nachhaltigkeitsdreiecks betrachtet, sehr minimalistisch.

Nachhaltigkeitsdreieck Interview

Nachhaltigkeitsdreieck zwischen Selbst- und Fremdverpflichtung

FE: Dennoch schreibst Du, dass es seit 2017 eine Umsetzungpflicht für ausgewählte Unternehmen gibt, die die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung betrifft, die so genannte Corporate Social Responsibility (CSR). Das klingt gar nicht so freiwillig.

AE: Für bestimmte Firmen, z.B. kapitalmarktnotierte Unternehmen, Kreditinstitute oder Versicherungsunternehmen, gilt ab einer bestimmten Größe eine Berichtspflicht bezüglich ihrer ökologischen und sozialen Aktivitäten. Die öffentliche Berichterstattung soll bei Verbrauchern oder Investoren zu mehr Transparenz führen und einer besseren Entscheidungsgrundlage dienen, ob ein Unternehmen beispielweise unter den vorherrschenden Arbeitsbedingungen Lieferbeziehungen eingehen möchte.

Ziel dieser Berichterstattung soll neben dem Beitrag zur Bekämpfung von Korruption vor allem die Förderung von Sozial- und Umweltthemen sowie die „unternehmerische Sorgfalt entlang der gesamten Lieferkette“ stärken. Also genau entlang der Achsen, die das Nachhaltigkeitsdreieck entwirft.

FE: Welche konkreten ökonomischen Vorteile ergeben sich denn für Unternehmen, wenn sie ihre Produktionsprozesse gen Nachhaltigkeit optimieren? Das scheint ja doch ein sehr komplexes Beobachtungswissen zu sein, dass da gelernt werden muss.

AE: Da gibt es viele unterschiedliche Punkte. Ich kann beispielsweise durch Produktivitätssteigerung Kosten einsparen, wenn ich meine Fertigungstechnologien so optimiere, dass weniger Energie oder Betriebsmittel für sie aufgebracht werden muss. Oder im Bereich Produktoptimierung: Ich kann Produkte sinnvoller oder besser gestalten, eventuell sogar ihre Entwicklungszeit verkürzen oder geringere Mengen an Rohstoffen verbrauchen. Oder ich stoße auf alternative Materialien, die unter Umständen zahlreiche andere Vorteile haben können.

Unternehmen können mit der Orientierung an Nachhaltigkeit zudem gezielt ihr Innovationsmanagement fördern, welches wiederum Umsatzsteigerung und nachhaltiges Wachstum begünstigt. Diese Maßnahmen beschränken sich daher nicht auf die rein ökologische Dimension der Nachhaltigkeit, hier kommt vor allem auch die ökonomische und soziale Dimension zum Tragen. Aktiv Verantwortungsbewusstsein erarbeiten und dieses in der Unternehmenskultur zu leben schafft Motivation, Zufriedenheit und Vertrauen – und das wiederum zieht Kundschaft.

FE: Inwieweit siehst Du die Politik in der Pflicht, verbindlichere Spielregeln aufzustellen –  Spielregeln, die auf einem ausreichend komplexen Begriff von Nachhaltigkeit basieren? Oder genügt eine Selbstverpflichtung der wirtschaftlichen Akteur:innen?

AE: Einen gewissen Grad an Selbstverpflichtung gibt es ja jetzt schon. Leider bewirkt er aber noch zu wenig. Man kann den Unternehmen aber auch nicht einfach sagen: „Hier hast Du eine Methode, mach‘ was daraus“. Mit angemessener Kommunikation – zum Beispiel in Form von spezialisierten Unternehmensverbänden, die mittels kleiner Teams in Unternehmen Fachseminare und Schulungen über die Bedeutung, Chancen und Umsetzungsmethoden von Nachhaltigkeit geben. Es muss zunächst das Verständnis etabliert werden, dass Nachhaltigkeit nicht einfach nur ein „feature“ oder „nice to have“, sondern langfristig absolut notwendig ist. 

Unternehmen brauchen Unterstützung

FE: Wie beurteilst Du die Ausgangslage in den Unternehmen?

AE: Vielerorts herrscht keine prinzipielle Ablehnung, es handelt sich häufig um mangelndes Bewusstsein und fehlendes Wissen. Angst vor Veränderung, die Sorge bezüglich eines eingeschränkten Mehrwerts oder große Unsicherheiten in der Umsetzung spielen auch eine Rolle.

Auf der anderen Seite entsteht manchmal der Eindruck, dass sich Unternehmen auf einem positiven Unternehmens-Image ausruhen und hoffen, dass dieses Bild seitens der Verbraucher automatisch auf ihre Produkte übertragen wird, obwohl diese gegebenenfalls gar nicht nachhaltig sind.

Meines Erachtens würde ein erhöhter Gesetzesdruck, vermehrte Kontrollen und Richtlinien, sowie die Bestrafung bei Missachtung, in großem Maße zu einer gezielten und schnelleren Etablierung nachhaltiger Strukturen beitragen – jedoch nur, wenn den Unternehmen im Gegenzug Ansprechpartner, geeignete Werkzeuge und Konzepte bezüglich der Realisierung zur Verfügung gestellt werden.

Unternehmen dürfen nicht das Gefühl haben, durch Reglementierungen wichtige Entscheidungen aus den Händen zu geben oder die Kontrolle über ihr Produktprogramm zu verlieren. Das wäre kontraproduktiv. Die gesetzliche Forderung nach einer vermehrten Umsetzung nachhaltiger Maßnahmen sollte daher vielmehr als gemeinsame, positive Interaktion wahrgenommen werden, um die Dimensionen des Nachhaltigkeitsdreiecks langfristig auch eigeninitiativ und selbstständig in die Unternehmensstrategie einzugliedern.

FE: Eine Sache interessiert mich zum Schluss noch: Wie stehst Du zu dem Ergebnis Deiner Arbeit? Ist Dein Plan ein Stück weit aufgegangen?

AE: Obwohl die Entwicklung der Bewertungsmethode noch nicht vollständig abgeschlossen ist, denke ich, dass diese nach einer sorgfältigen Implementierung ein effektives Instrument zur Verankerung eines umweltverträglicheren Handelns und einen Grundbaustein für den Erfolg einer langfristigen Integration von Nachhaltigkeit in Produktentwicklungsprozesse darstellen kann.

Durch den modularen Aufbau, und dank der Verknüpfung innerhalb des Kalkulationsprogrammes, können Materialien, Prozesse oder einzelne Bauteile problemlos und flexibel ausgetauscht werden, um die direkten ökonomischen und ökologischen Auswirkungen alternativer Produktkonfigurationen zu simulieren und gegenüberzustellen.

Dies ermöglicht die Identifikation und Auswahl optimal geeigneter Materialien und Fertigungsprozesse für den weiteren Entwicklungs- und finalen Herstellungsprozess. Das Nachhaltigkeitsdreieck ist dann nicht länger nur Thema vor und nach der Entwicklung eines Produkts, sondern während seiner gesamten Entwicklung.

FE: Angela, vielen Dank für das Interview. Ich bin gespannt auf die ersten Erprobungen Deines Modells in der Praxis. Alles Gute damit!


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